Schweizer Landwirtschaft – Spielball der Nation?

Auf watson, einem Online-Portal, das Unterhaltung und Informationen aus den unterschiedlichsten Bereichen bereitstellt, gibt es neuerdings einen Blog mit Themen zur Schweizer Landwirtschaft. Dieser Blog soll sich – so habe ich irgendwo gelesen – an ein mehrheitlich urbanes Publikum wenden, welches den Bezug zur Landwirtschaft (wie so viele andere Leute vermutlich auch), etwas verloren hat. Geschrieben werden die Beiträge von Jürg Vollmer, Chefredaktor des Fachmagazins für die Schweizer Landwirtschaft, «die grüne». Vor ein paar Tagen erschien der zweite Beitrag, dieses Mal zum Thema Pestizide in der Schweizer Landwirtschaft. Wie der erste Beitrag, sorgte auch dieser (noch mehr) für kontroverse Diskussionen bei den Kommentaren. Und ich muss ganz ehrlich sagen, dass es mich manchmal schon etwas nervt, dass beim Thema Landwirtschaft so ziemlich jeder ein selbst ernannter Experte ist (ähnlich wie beim Thema «Marketing»).

Klar habe ich mich gefragt, ob bei einem hochemotionalen Thema wie Pestizide unbedingt so provokativ geschrieben werden muss. Aber wenn ich mir dann die Kommentare unter dem Artikel so anschaue, dann denke ich, dass es wahrscheinlich keine Rolle spielt. Denn augenscheinlich sind bei vielen Leuten, die vermutlich wenig bis gar keine Ahnung von der produzierenden Landwirtschaft haben, die Meinungen so vorgefertigt, dass es sich wohl nicht lohnt, sich auf Diskussionen einzulassen.

Nur eins sollte man vielleicht bedenken: das meiste Kulturland ist in den Händen von Landwirten. Und ein Landwirt ist nicht verpflichtet, sein Land umzutreiben. Er oder sie kann – wie jeder ander auch – einen anderen Beruf erlernen und dann sein Land hobbymässig, nach Lust und Laune, bewirtschaften….oder dann eben nicht. Halt ohne Direktzahlungen. Warum nicht auswärts 80% arbeiten gehen, auf einem grossen Teil des Landes eine Buntbrache anlegen, dann noch ein wenig artenreiche Blumenwiese, ein wenig Kunstwiese für einige Tiere und auf 1-2 ha ein paar Kulturen – so viel, dass es für die Familie und die besten Freunde gut ausreicht – ob in Demeter-, Bio- oder konventioneller Qualität.

Dann kann sich die Schweizer Bevölkerung an den vielen wunderbaren Blumen erfreuen. Vielleicht gibt es dann auch wieder mehr Insekten und Vögel – sollte der Klimawandel das Ökosystem nicht zu stark verändern. Denn dieser macht von der Schweiz auch dann nicht halt, wenn es keine produzierende Landwirtschaft mehr gibt. Und essen können Herr und Frau Schweizer dann Produkte aus dem Ausland, in dem sowohl im Bio- als auch im konventionellen Anbau teilweise Pestizide erlaubt sind, die bei uns nicht erlaubt sind. Wo die Grenzwerte grösstenteils höher sind, als bei uns. Wo der Tierschutz nicht so streng ist, wie bei uns. Wo zum Teil genmanipulierte Pflanzen angebaut werden.

Vielleicht würde es einigen Leuten mal gut tun, sich Gedanken darüber zu machen, dass ein Landwirt gerne nur von seiner Arbeit leben würde, ohne von Direktzahlungen abhängig zu sein und damit abhängig von Leuten, die offensichtlich manchmal ziemlich realitätsferne Ideen haben. Und dass es recht ätzend sein kann, wenn man ständig von allen Seiten angeschossen wird, weil die Landwirtschaft der ideale Spielball für die verschiedensten Seiten ist:

  • für die Wirtschaft, welche die Schweizer Landwirtschaft den Weltmarktpreisen aussetzen möchte, damit Handelsabkommen geschlossen werden können (obwohl ein Schweizer Landwirt für sein Land, für Investitionen, für eingekaufte Arbeitsstunden, etc. leider keine «Weltmarktpreise» bezahlen darf)
  • für selbsternannte Umweltschützer (ja, auch mir liegt die Umwelt am Herzen), die sich stark machen für eine möglichst naturnahe Schweizer Landwirtschaft, damit sie weiterhin mit gutem Gewissen mindestens einmal pro Jahr eine Flugreise irgendwohin machen, jedem Modetrend hinterherrennen, Auto fahren, Plastikmüll produzieren können, etc.
  • für «Gesundheitsbewusste», die bei Migros, Coop & Co. bedenkenlos ausländische Bio-Produkte kaufen und das Gefühl haben, dass Schweizer Bio-Produkte günstiger werden, wenn nur noch so produziert werden darf (warum eigentlich? Der Aufwand für Bio-Produkte bleibt ja der gleiche, auch wenn alle in Bio-Qualität produzieren)

Doch, mir gefällt die Arbeit als Bäuerin. Aber vieles, was damit einhergeht, habe ich manchmal so satt. Und bin froh, wenn ich es mal – wenn auch nur in einem Blogartikel – kurz loswerden kann.

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